Radikal Normal, Teil 3 von 7 · Zur Serienübersicht · Read this chapter in English
Die Frage der Ungleichheit, woher sie rührt und bis zu welchem Grade sie gerechtfertigt sein kann, ist eine der ältesten Fragen der Philosophie. Schon in der Antike machte man sich Gedanken darüber, wie sehr sich die Besitztümer von Menschen unterscheiden dürften, ohne dass die Grundlagen des Zusammenlebens gefährdet würden. Die folgende Auswahl ist selektiv, gibt aber hoffentlich dennoch einen Eindruck von der Evolution der Ungleichheitsdebatte.
Von Platon bis Marx
Laut Platon (ca. 427–347 v. Chr.) wäre es für menschliche Gesellschaften angemessen, wenn der Reichste nicht mehr als viermal so viel besäße wie der Ärmste. Sein Ziel war ein geregeltes Miteinander, das extreme Unterschiede vermeidet. Aristoteles (384–322 v. Chr.) hielt allgemeiner fest, dass Vermögen am besten in einer großen Mittelschicht verteilt werden sollte. Arme und reiche Klassen galt es zu vermeiden, da sie Charaktere und gesellschaftliche Kräfte herausbilden würden, die für Instabilität sorgten.
Nachdem das Thema über viele Jahrhunderte unter großen Denkern wenig Beachtung gefunden hatte, beschäftigte sich Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) im 18. Jahrhundert mit den Ursprüngen der Ungleichheit und kam zu dem Schluss, dass sie mit der Erfindung des Eigentums zusammenfielen. Der erste Mensch, der ein Stück Land einzäunte und erklärte „Dies gehört mir“, habe die soziale Spaltung eingeläutet. Von da an standen nicht mehr alle auf derselben Stufe, sondern es entstand ein dauerhaftes Gefälle, das Abhängigkeit und Unterdrückung nach sich zog.
Auch William Godwin (1756–1836), der Vater von Frankenstein-Autorin Mary Shelley, nahm Ungleichheit als moralisches Problem wahr. Er sagte, sie korrumpiere die Menschen an beiden Enden des Wohlstandsspektrums: die Reichen, weil sie durch Besitz und Macht verformt würden, und die Armen, weil sie gedemütigt und entrechtet seien. Dennoch vertraute er darauf, dass Menschen ohne staatliche Einmischung rational zu dem Schluss kommen würden, miteinander zu teilen. Statt auf Institutionen zu setzen, könnten sie Ungleichheit durch moralisches Handeln überwinden.
John Stuart Mill (1806–1873) verkörpert den Übergang des Schwerpunkts von Moralfragen zu praktischen Regeln. Er unterschied in der Mitte des 19. Jahrhunderts klar zwischen der Produktion und der Verteilung. Während die Produktion seiner Meinung nach Naturgesetzen und der technischen Entwicklung folgte, lag die Verteilung der Erzeugnisse im Ermessen der Gesellschaft. Mill betonte damit, dass Ungleichheit nicht als zwangsläufige Folge der Wirtschaft verstanden werden darf, sondern dass es immer eine politische Entscheidung ist, wie Güter verteilt werden.
Karl Marx (1818–1883) und Friedrich Engels (1820–1895) radikalisierten diese Sicht. Für sie war Ungleichheit eine unausweichliche Konsequenz des privaten Eigentums an Produktionsmitteln und der daraus folgenden Ausbeutung der Arbeitskräfte. Ihre Antwort darauf war die vollständige Aufhebung solchen Eigentums. Nur wenn Fabriken, Maschinen und Land nicht länger in privater Hand waren, ließe sich die Spaltung in Klassen überwinden.
Denker seit dem Zweiten Weltkrieg
Karl Polanyi (1886–1964) analysierte gegen Mitte des 20. Jahrhunderts, dass eine vollkommen sich selbst überlassene Marktwirtschaft die Gesellschaft zerstören würde. Arbeit, Boden und Geld wie gewöhnliche Waren zu behandeln, hielt er langfristig für unmöglich. Gesellschaften reagierten daher mit Gegenbewegungen wie Regulierung und Sozialpolitik, um den Markt wieder einzubetten, damit er im Einklang mit den Interessen der Menschen funktioniert.
John Rawls (1921–2002) schlug später ein Gedankenexperiment vor, das bis heute zu den einflussreichsten Ansätzen der Gerechtigkeitstheorie gehört. Ungleichheit sei nur dann zu rechtfertigen, wenn sie den am schlechtesten Gestellten zugutekäme. Außerdem sollten Gesellschaften immer so organisiert sein, dass die Urheber dieser Organisation im Zweifel damit leben könnten, am schlechtesten gestellt zu sein – sie träfen derartige Entscheidungen also vor einem „Schleier des Nichtwissens“.
Amartya Sen (geb. 1933) erweiterte die Betrachtung von Ungleichheit über das Finanzielle hinaus um die Perspektive von Fähigkeiten. Einkommen allein genügt nicht, wenn kein Zugang zu Gesundheit, Bildung oder politischer Teilhabe besteht. Ungleichheit bemisst sich für ihn daran, welche realen Möglichkeiten Menschen haben, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.
Thomas Piketty (geb. 1971) stellte mit Blick auf historische Daten fest, dass Ungleichheit wächst, wenn Kapitalvermögen langfristig schneller wachsen als die Gesamtwirtschaft. In solchen Phasen nehmen die Unterschiede zwischen Besitzenden und Nicht-Besitzenden zu. Sein Vorschlag, eine weltweite Vermögenssteuer und progressivere Einkommenssteuern einzuführen, sollte diesem Mechanismus entgegenwirken.
Branko Milanovic (geb. 1953) erweiterte den Blick auf globale Ungleichheit. Er zeigte, dass während die Unterschiede zwischen Ländern abnehmen, sich die Kluft innerhalb vieler Gesellschaften vertieft. Global betrachtet ist eine neue Mittelschicht entstanden, insbesondere in Asien, während die alte Mittelschicht in westlichen Industrieländern stagniert oder zurückfällt.
Die Publizistin Ulrike Herrmann (geb. 1964) brachte die ökologischen Grenzen des Wachstums in die Debatte ein. Sie argumentierte, dass Kapitalismus ohne Wachstum nicht funktionieren könne und deshalb eine geplante, rationierte Postwachstumsgesellschaft notwendig sei, die die beschränkten planetaren Ressourcen berücksichtigt. Wachstum auf einem endlichen Planeten könne nicht unbegrenzt fortgesetzt werden, und jede Debatte über Ungleichheit müsse diese Tatsache einbeziehen.
Ganz aktuell hat die Philosophin Ingrid Robeyns (geb. 1972) mit ihrem Buch Limitarismus die Idee einer Obergrenze für Reichtum wiederbelebt. Damit knüpft sie nach über zwei Jahrtausenden direkt an Platon an und zeigt, dass die Frage nach einer Begrenzung von Vermögen auch heute noch Relevanz hat. Und es gibt eine große Anzahl weiterer wichtiger Denker, die ich in dieser Kürze nicht nennen kann.
Eine Debatte ohne Zielbild
Von der Antike bis in die Gegenwart hat sich das Denken zum Thema Ungleichheit also immer weiter differenziert. Manche Denker sahen Obergrenzen für Reichtum, andere eine gerechte Verteilung, wieder andere die Notwendigkeit, Märkte zu zähmen oder Fähigkeiten statt Einkommen in den Blick zu nehmen. Gemeinsam ist ihnen die Erkenntnis, dass zu große Unterschiede zerstörerische Folgen haben – für den Einzelnen ebenso wie für die Gesellschaft als Ganzes.
In der aktuellen gesellschaftlichen Debatte wird die Frage der Ungleichheit zwar immer wieder aufgegriffen. Doch der Blick auf das, was wünschenswert wäre und was wir prinzipiell gestalten könnten, bleibt trotz wichtiger Beiträge wie dem von Robeyns weitgehend im Hintergrund.
Wenn wir populistische Schuldzuweisungen auf Sündenböcke wie Migranten oder „faule Arbeitslose” außen vor lassen, dominieren in Medien und sozialen Netzwerken Fatalismus, der Veränderungen für unrealistisch hält, ein Fokus auf das individuelle Fortkommen und bestenfalls technokratische Lösungsansätze.
Ich möchte es einmal plakativ sagen: Es gehört heute fast schon zum politischen Alltag, darüber zu streiten, ob Menschen eine Existenzsicherung verdienen, wenn sie nicht das leisten, was „die Gesellschaft” von ihnen erwartet. Eine Debatte über klare Grenzen des Reichtums hingegen ist auf den großen Kanälen und in den wesentlichen Zeitungen praktisch tabu.
Um den Blick auf diese Tabuzone zu schärfen, möchte ich ein im Kern simples Zielbild formulieren. Dieses soll einprägsam genug sein, damit viele es in der Debatte um Gerechtigkeit ins Feld führen können: das 10x-Prinzip.


