Radikal Normal
über Ehrlichkeit, Verantwortung und Gerechtigkeit

Der Titel ist kein Widerspruch. „Radikal” bedeutet hier nicht extrem, sondern an die Wurzel gehend – so wie das Wort ursprünglich gemeint war. Und die These dieser Serie ist einfach: Eine faire Welt ist nichts Extremes. Sie sollte das Normalste der Welt sein.

Denn was „normal” ist, verschiebt sich ständig. Sklaverei, Kinderarbeit, der Zwölfstundentag – jedes davon galt einmal als selbstverständlich, sogar als wirtschaftlich notwendig, und wer es abschaffen wollte, galt als weltfremder Radikaler. Heute können wir uns kaum vorstellen, dass es je anders war. Umgekehrt zeigt das Internet, wie schnell aus Zukunftsmusik etwas Unverzichtbares wird. Vielleicht blickt eine spätere Generation genauso ungläubig auf eine Welt zurück, in der wenige Menschen millionenfach mehr besaßen als andere – während anderswo Menschen verhungerten. Was uns heute radikal erscheint, könnte morgen selbstverständlich sein.

Ich bin kein Ökonom. Ich bin niemand mit besonderer Autorität in diesen Fragen – und genau das ist der Punkt. Wenn nur Experten über Ungleichheit sprechen dürfen, bleibt das Thema in einem engen Kreis gefangen. Dabei betrifft es uns alle, und die grundlegenden Fragen kann jeder von uns stellen. Wenn ich das kann, kannst du es auch.

Ehrlich sein heißt für mich, bei mir selbst anzufangen. Nach globalen Maßstäben zähle ich zu den Wohlhabenden. Wenn wir über das Teilen reden, bin ich einer von denen, die teilen müssten. Wahrscheinlich gilt das auch für dich, wenn du diese Zeilen in einem warmen Zimmer liest. Das ist keine Schuldzuweisung – es ist die Voraussetzung dafür, überhaupt ehrlich weiterzudenken.

Radikal Normal ist eine abgeschlossene Serie in sieben Teilen. Die Frage dahinter ist alt: Schon Platon hielt extreme Ungleichheit für eines der größten Übel eines Gemeinwesens und forderte in seinem Werk „Die Gesetze”, niemand solle mehr als viermal so viel besitzen wie der Ärmste. Auf dem Weg bin ich Menschen wie Thomas Piketty, Ingrid Robeyns und Gary Stevenson begegnet, für deren Denken ich dankbar bin. Aber die Fragen, um die es hier geht, sind keine Expertenfragen – es sind die ältesten, die eine Gesellschaft sich stellen kann.

Es gibt Radikal Normal auf Deutsch und Englisch; die englische Ausgabe findest du unter radicallynormal.com.

Von Anfang an habe ich Radikal Normal als gemeinsames Lernprojekt verstanden – für mich selbst und für alle, die mitdenken wollen. Deshalb freue ich mich über deine Gedanken, in den Kommentaren oder als Antwort. Kontrovers und konstruktiv. Denn darauf lässt sich aufbauen.


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